Wehret den Anfängen: Das AutorenNetzwerk erinnert an die verbrannten Bücher
- 15 Apr 2026
- AutorenNetzwerk Ortenau-Elsass®
A n Bistrotischen saßen sie, knapp 30 Gäste, die an diesem Abend nicht nur zuhörten, sondern spürten. Die Projektionsfläche im rustikalen Dachgebälk des Illenau-Ateliers zeigte das Plakat des Abends: ein brennendes Buch, blau und orange, eine Stadt in Flammen. Davor Dr. Karin Jäckel, Begründerin und Leiterin des AutorenNetzwerks Ortenau-Elsass®, die mit ruhiger, aber entschiedener Stimme eröffnete.
„Um es mit Erich Kästner zu sagen: Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten." Mit diesen Worten legte Jäckel den Ton für den Abend fest. Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 begann nicht mit einem Staatsakt – sie begann mit einem Bibliothekar. Ein einzelner Berliner Nazi-Anhänger erstellte aus eigenem Antrieb eine schwarze Liste und fand im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund willige Vollstrecker. Mit Listen bewaffnet räumten Studenten Bibliotheken, Schulen und Verlage aus, errichteten auf dem Berliner Bebelplatz einen Scheiterhaufen und verbrannten alles, was ihnen an undeutschem Gedankengut galt. Goebbels hielt eine Schmährede, live übertragen im Rundfunk.
Das AutorenNetzwerk präsentierte den Abend als Gemeinschaft, nicht als Galerie von Einzelpersonen. Keine Namen auf dem Plakat – wer an diesem Abend las, las stellvertretend für alle.
Den musikalischen Rahmen des Abends setzte Serge Rieger aus dem Elsass, Mitglied der René-Schickele-Gesellschaft. Mit Gitarre und Mundharmonika webte er zwischen allen sieben Lesungen einen musikalischen Faden – mal nachdenklich, mal trotzig, mal zärtlich. Seine Lieder, in Elsässerditsch, Französisch und Deutsch, bildeten den menschlichen Gegenpol zu den Schrecken der vorgetragenen Geschichte.
Brigitte Gutmann eröffnete den Reigen der Lesungen mit Bertha von Suttner. Ausführlich und lebendig schilderte sie die außergewöhnliche Biografie der Pazifistin – von der Gouvernante über die Privatsekretärin Alfred Nobels bis zur Friedensnobelpreisträgerin von 1905. Aus „Die Waffen nieder!" las sie einen Ausschnitt, in dem die Protagonistin Martha nach dem Schmerz der Kriege schreibt: „Wie müsste die Welt erst aufatmen, wenn es hieße: die Waffen nieder – auf immer nieder." Das Buch wurde 1933 verbrannt, weil es das Kriegstreiben der Mächtigen mit großen Gefühlen und aufgeklärtem Intellekt demontierte.
Alexander Schrul schlüpfte in die Rolle Erich Kästners – und tat es mit feinem Augenzwinkern. Als Kästner, der 1933 zusehen musste, wie seine eigenen Bücher brannten und dennoch blieb. Als Kästner, der Kinder in seinen Romanen ernst nahm, ihnen Eigenverantwortung zutraute – und damit den Nationalsozialisten, die Kinder als „Rohmaterial des Volkskörpers" sahen, fundamental widersprach. Schrul las aus „Emil und die Detektive", und der Saal erinnerte sich: Kästner verstand es, moralische Fragen in spannende Geschichten zu kleiden.
Julia Guibert aus Straßburg brachte Else Lasker-Schüler auf die Bühne – und mit ihr eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren, exzentrisch, jüdisch, expressionistisch: Lasker-Schüler war das genaue Gegenteil dessen, was die Nationalsozialisten unter „deutsch" verstanden. Guibert las mit Bedacht: erst einen Ausschnitt aus dem „Blauen Gemach", dann das Gedicht „Urfrühling" von 1902 – beide Texte von einer Sinnlichkeit und Mehrdeutigkeit, die 1933 als entartet diffamiert wurden. „Was tun wir heute, wenn wir Literatur lesen, in der homosexuelle Hauptdarsteller vorkommen?", fragte Guibert am Ende ruhig in den Saal.
Martina Meadows-Hertig begann ihren Vortrag über Irmgard Keun mit einem persönlichen Satz: „Im Laufe meines Lebens durfte ich erfahren, dass Narrative und Dramen nicht geglaubt und übernommen werden müssen." Dann stellte sie eine Autorin vor, die lange vergessen war und heute neu entdeckt wird. Aus „Nach Mitternacht" (1937) las sie drei kurze Ausschnitte – Frankfurt 1936, ein Führer-Besuch, ein Verlobter auf der Flucht, eine Tante, die Luftschutzübungen abhält und einen alten Rentner die Treppe hochtreibt, bis er zusammenbricht. Feinfühlig, satirisch, von erschreckender Aktualität.
Detlef Spötter widmete sich Heinrich Heine – und erlaubte sich dabei eine köstliche Freiheit. Er malte Heine in Paris, die Knie angezogen, im Kerzenschein die Nachrichten aus Deutschland scrollend. Der Saal lachte – und erschrak einen Moment später über sich selbst. Denn die Worte, die Spötter dann aus Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen" und der Harzreise las, zeigten: Heine, geboren am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf, hatte vor 180 Jahren dieselben Beobachtungen gemacht. „Wie Pflaumenfedern flogen und wie schwere Minen einschlugen" – so fasste Kurt Tucholsky Heines Verse einst zusammen.
Der sechste im Reigen war Yves Rudio mit Johann Peter Hebel – dem einzigen der sieben Autoren des Abends, der 1933 auf keiner Verbotsliste stand. Bewusst gewählt: Hebel, am 10. Mai 1760 in Basel geboren – ausgerechnet jenem Kalendertag, an dem 1933 die Scheiterhaufen brannten –, zeigt, welch starken Einfluss Literatur auf den Zeitgeist haben kann. Die Nationalsozialisten vereinnahmten ihn als „Heimatdichter" und übersahen dabei den freien, obrigkeitskritischen Geist seiner Kalendergeschichten. Rudio las aus „Kannitverstan" und dem „Papierjunge von Segringen", erläuterte Hebels Rolle als grenzüberschreitende, alemannische Stimme der Menschlichkeit – und schloss mit einem eigenen Gedicht auf Elsässerditsch, das er eigens für diesen Abend verfasst hatte.
Den Abschluss bildete Dr. Karin Jäckel selbst mit Bertolt Brecht (1898–1956) – einem der bedeutendsten politischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts, der zugleich tiefe regionale Wurzeln trägt: Brechts Großvater betrieb in der Acherner Hauptstraße 66 eine Lithographieanstalt, seine Großmutter stammte aus Sasbach. Das älteste Wohnhaus Acherns kennt noch seinen Namen. Jäckel erläuterte Brechts Lehrstücke „Der Jasager" und „Der Neinsager" – Schultexte, die zum kritischen Denken aufrufen, zur Korrektur falscher Entscheidungen, zum Widerspruch gegen blinden Gehorsam. Genau das machte sie den Machthabenden so gefährlich. Jäckel schloss sinngemäß mit einem Gedanken des Politikwissenschaftlers Werner J. Patzelt: Eine freie Gesellschaft definiere sich nicht durch Gleichklang, sondern durch Reibung – ohne Widerspruch keine Erkenntnis.
Ohne Pause hatte Jäckel den Abend durchgezogen – damit noch Zeit für Gespräche bliebe. Und die wurden geführt. Nachdenklich, engagiert, manchmal aufgewühlt. Eine Zahl blieb im Raum stehen: Laut einer Allensbach-Umfrage vom Oktober 2025 glauben nur noch 46 Prozent der Deutschen, ihre politische Meinung frei äußern zu können.
„Wir stehen auf, wir sind da", sagte Jäckel am Ende zu ihren sieben Mitstreitern und zum Publikum. Das Gruppenfoto danach, vor der Leinwand mit dem Schriftzug „Für unsere Freiheit in Meinung und Bild", sprach für sich.
Informationen und Termine: www.autorennetzwerk-ortenau.de
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