Vergessen, verwahrt, verkannt: Octavies Schicksal bewegte das Publikum
- 26 Feb 2026
- AutorenNetzwerk Ortenau-Elsass®
Vergessen, verwahrt, verkannt: Octavies Schicksal bewegte das Publikum
A ls Dr. Karin Jäckel am Montagabend im Atelier der Illenau Werkstätten ans Mikrofon trat, war der Raum bis auf den letzten Platz besetzt. Es musste sogar nachgestuhlt werden, und die Anwesenheit mehrerer Pressevertreter unterstrich die Bedeutung des Abends. Was folgte, war keine trockene Geschichtsstunde, sondern eine Spurensuche, die unter die Haut ging: die Wiederentdeckung einer jungen Frau, die 32 Jahre ihres Lebens hinter den Mauern der Illenau verbrachte – und dort am 30. Januar 1881 verstarb. Für sie war „Illenau" tatsächlich „für immer".
Das wütende Kind und die männerdominierte Diagnose
Elisabeth Octavie Amelie von Türckheim, Enkelin von Goethes legendärer Verlobten „Lilli" Schönemann, war alles andere als das brave, sittsame Mädchen, das ihre Mutter sich wünschte. Sie liebte Pferde, Poesie und die Natur – nicht Handarbeiten und fromme Zirkel. Sie war intelligent, musisch begabt, sprach mehrere Sprachen. Doch ihr Eigensinn, ihre Trauer um den früh verstorbenen Vater und ihre religiöse Suche wurden ihr zum Verhängnis. Eine „fromme Freundin" der Mutter sperrte das Mädchen sechs Wochen in ein Zimmer und kam zu dem Schluss: Sie muss in eine Anstalt. Dr. Jäckel, sichtlich bewegt, stellte die entscheidende Frage: War Octavie wirklich geisteskrank – oder einfach nur eine Frau, die nicht ins Bild passte?
![Dr. Françoise Laspeyres © Andreas P. Geng [apg] Dr. Françoise Laspeyres © Andreas P. Geng [apg]](/kunden/content/pages/48897/bilder/20260224_202210.jpg)
Dr. Françoise Laspeyres © Andreas P. Geng [apg]
Fehldiagnosen und verlorene Hoffnung
Dr. Françoise Laspeyres ergänzte den Abend mit Einblicken in die Krankenakten und die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Die damaligen „Ursachen" für psychische Leiden lesen sich heute erschreckend: unglückliche Liebe, religiöse Schwärmerei, Menstruationsstörungen. Der weibliche Körper wurde pathologisiert, das Mystische als „weiblich" und damit als krankhaft abgestempelt. Octavie wurde mit Morphium und Atropin behandelt. Nach vier Jahren in der Illenau verschlechterte sich ihr Zustand drastisch – vielleicht, so mutmaßte Dr. Jäckel, weil sie in diesem Moment erfuhr, dass sie nie wieder nach Hause kommen würde.
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Combo2Go © Andreas P. Geng [apg]
Musik als Brücke zwischen Melancholie und Leben
Combo2Go mit Joe Winterhalter und Herbert Keller rahmte den Abend musikalisch ein – von Goethes „Heideröslein" über die „Kleine Nachtmusik" hin zu lebensfrohen Klängen, die zeigten: Das Leben geht weiter, auch wenn es an einer Stelle aufhört. Dr. Winfried Hoggenmüllers Gedicht „Illenau Sommer" fand die vielleicht treffendsten Worte: „In den langen und weiten Gängen … möchte ich die Angst anlachen und den Schmerz auf den Dämmerungsfenstern, dass sie endlich verschwinden."
Ein Grab im Wald – und eine späte Würdigung
Octavies Grab auf dem Illenauer Friedhof ist noch heute erhalten. Schlicht, mit einem derben Kreuz, draußen im Wald – dort, wo sie vielleicht ein wenig Frieden fand. Das AutorenNetzwerk hat ihr an diesem Abend etwas zurückgegeben, was ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb: eine Stimme.
Weitere Informationen: www.autorennetzwerk-ortenau.de



